Architektur

Ich wollte spontan ins Schauspielhaus gehen, wusste aber nicht genau, wo es ist. In Deutschland gibt es für solche Fälle eine sichere Methode: Einfach an der nächstgelegenen Haltestelle des ÖPNV aussteigen, nach Säulen, Flügeltüren und lateinischen Inschriften Ausschau halten – und dann rein in die tausendste Faust-Inszenierung.

Der deutschen Expansionslust des letzten Jahrhunderts sei Undank, sind architektonische Leckerbissen in den Innenstädten rar gesät. Die wenigen vorhandenen beherbergen entweder staatliche Institutionen oder den Komplex KunstTheaterLiteratur. In Wien verläuft die Suche schwieriger, weil das architektonische Volumen nicht durch das kulturelle Angebot gefüllt werden kann. Jedes dritte Gebäude hätte das Schauspielhaus sein können, kurzum: ein Überschuss an Schönheit verhinderte meinen Theaterbesuch.

Ich schlenderte (nein:) flanierte stattdessen ebenso entzückt wie entsetzt durch die Gassen der ersten Bezirke: Vermüllte Brunnenkonstruktionen, für die ein westfälischer Bildungsbürger mit Tränen in den Augen einen Förderverein gründen würde, Speditionsfirmen einquartiert in klassizistischen Prachtbauten, ja: ein Palast als Pferdestall. Unter dem sanften Schein üppiger Kronleuchter einer Dönerbude erfuhr ich so meine Mission: Ich werde nicht ruhen, bis die Wiener begreifen, wie übertrieben schön ihre Stadt ist – und dann frage ich sie, wo ihr Schauspielhaus steht.

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