Neinsagen

Ich verbringe gerne Zeit mit Menschen. Ich esse und trinke mit ihnen, ich gucke mir mit ihnen Sachen an, ich spiele Ball mit anderen Menschen, machmal penetriere ich einen von ihnen. Es gibt aber auch Verabredungen, die ich nicht eingehen möchte, weil ich lieber alleine bin oder etwas anderes unternehme. Kurzum: Ich bin grundsätzlich ein normaler Zeitgenosse. Es gibt aber doch einen Unterschied – meine sprachliche Rigorisität. Wenn ich an etwas nicht teilnehmen möchte, behaupte ich nicht, keine Zeit zu haben. Meistens sage ich wahrheitsgemäß, dass ich nicht interessiert daran bin. In anderen Fällen lüge ich einfach. Ich finde Lügen leichter, als mich sprachlich unpräzise auszudrücken. Da bin ich pedantisch, vielleicht existentialistisch. Der Satz Ich habe keine Zeit beschneidet meine eigene Wahlfreiheit. Er schließt aus, dass ich nicht auch etwas anderes unternehmen könnte, als das zuvor geplante. Das finde ich frustrierend, das klingt, als hätte ich keine Kontrolle über mein Leben. Nur oberflächlich besser ist die österreichische Formulierung Das geht sich nicht aus. Zwar klingt dieser Satz sehr schön, aber ich störe mich an der darin liegenden Unbestimmtheit. Das oder Es geht sich nicht aus. Was soll dieses Neutrum sein? Wo ist denn da jetzt bitte das Ich, das willentlich nicht mit jemandem in ein Kaffeehaus oder auf eine Anti-IS-Demo gehen möchte? Das Das/Es erinnert an das freudsche Es – nicht lokalisierbar, aber wirkmächtig. Das/Es sorgt dafür, dass ich irgendwo nicht hingehen kann, weil etwas, oder vielmehr das Ich fehlt. Mit anderen Worten: Wenn das Es sich nicht dazwischenschöbe, könnte das Ich ausgehen. Ich aber will mich nicht der Macht einer metaphysischen Instanz beugen. Ich will mich auch nicht einem Plan unterordnen, der mir meine ureigene Zeit stiehlt. Und ich will ganz bestimmt nie nie niemals in Ina Müllers Show gehen.

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