Integration

Vor Kurzem wurde ich zum ersten Mal wegen meiner Nationalität angegriffen. Das war an einer Schlange vor einem Fastfoodrestaurant. Ein Mitwartender behauptete, ich habe mich vorgedrängelt. Ich bestritt dies, ließ ihm aber als Zeichen meines guten Willens den Vortritt. Mein deppertes Hochdeutsch provozierte ihn. Er nannte mein Verhalten unverschämt, ja impertinent und schickte hinterher, wir seien hier in Österreich, hier würde sich nicht vorgedrängelt. Zu Hause habe ich dann recherchiert. Offenbar sind Ressentiments gegen Deutsche salonfähig. Besonders Medizinstudenten stehen in der Kritik, weil sie den Einheimischen die Studienplätze wegnehmen. In der FAZ lässt sich Robert Palfrader alias Kaiser von Österreich folgendermaßen zitieren:

Nach einer Studie integriert sich eine Vielzahl deutscher Studenten nicht, und nach Abschluss des Studiums gehen sie wieder nach Deutschland. Das heißt, wir bilden deutsche Ärzte aus, die keine Bindung zum Land aufbauen, und wir haben dann selbst keine Mediziner.

Ich studiere nicht Medizin, sondern Sprachkunst. Der Rest der Beschreibung passt trotzdem ganz gut auf mich zu. Es ist zwar sehr schön in Wien, aber ich habe nicht vor, hier zu bleiben und die österreichische Literatur weiterzubringen. Wenn sich in zehn Jahren herausstellt, dass in Österreich Autoren fehlen, muss ich mir eingestehen, das Bildungssystem meines Gastlandes ausgebeutet zu haben. Auch fühle ich mich noch nicht besonders gut integriert. Ich spreche die Sprache nicht, häufig rutscht mir ein „Hallo“ heraus und oft sogar ein „Tschüss“. Ich mag lieber trockenen Rotwein als Heurigen, habe irre Angst vor dem Tod und rauche nicht gern in öffentlichen Gebäuden. Mein türkischer Nachbar ist da wesentlich weiter in seiner Integration. Er lebt erst drei Jahre hier, spricht aber ein sehr respektables Österreichisch. Er isst Schweinefleisch und kennt sogar die richtigen Wörter dafür: Faschiertes, Debreziner, Käsekrainer. Am Morgen schallt aus seinem Zimmer „Der Kaffee ist fertig“ und am Abend „Heite drah i mi Ham“. Ohne Frage, mein Nachbar ist in der Heimat großer Söhne angekommen. Nur mit den Töchtern laufe es nicht gut. Er klagt: „Wenn ich erzähle, dass ich aus der Türkei kommen, drehen die sich um und gehen.“ Ich beruhige ihn: „Das sind sicher nur die deutschen Medizinstudentinnen.“

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