Jugend

Ich bin über die Feiertage zu meinen Eltern gefahren. Ich hatte vor, jeden Tag zu joggen und danach an einer Erzählung über/für Jugendliche zu arbeiten. Tatsächlich stehe ich morgens zu spät auf, gucke raus (,es regnet), lege mich zurück ins Bett und lese bis zum Mittagessen. Zuletzt ,„Es bringen“ von Verena Güntner und „Tigermilch“ von Stefanie de Valesco. Ich möchte nicht lang auf die Bücher eingehen, sie sind großartig. Tauscht eure Verlegenheitsgschenke um (die bedruckten Tassen, die Kühlschrankmagnete, das IPad) und kauft sie euch. Aber bitte nur, sofern ihr nicht vorhabt, jemals für/über Jugendliche zu schreiben. Mich selbst hat die Lektüre entmutigt. Sowohl in „Es bringen“ als auch in „Tigermilch“ spielen Erlebnisse im Freibad eine große Rolle. Erst glaubte ich an einen Zufall, aber dann habe ich mich an Tina Müllers Stück „Junges Gemüse“ und an Andri Beyerlers „the killer in me is the killer in you my love“ und an den Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ und an die Erzählungen meiner Mitbewohnerin Tamara erinnert. Zuverlässig erweist sich das Freibad als Ort und Motiv jugendlicher Ausgelassenheit wie deren Ende. Ich habe damit zwei Probleme. Erstens: Ich glaube sehr daran, dass man am besten über etwas schreibt, was man selber kennt. Und zweitens: Ich war noch nie in einem Freibad. Ich kann nichts dafür, ich stamme aus einer Gegend mit sehr hoher Talsperrendichte. Dort zu schwimmen hat keinen Eintritt gekostet, dafür fehlte aber jede Infrastruktur. Die Buchten waren weit voneinander entfernt. Meist hatte man wenig Kontakt zu anderen Badenden. Keine Schlägereien, keine Mutproben, keine erstegroßeLiebe. Kein Chlor auf junger Haut, keine Pommes, keine Sprünge vom Zehnmeterbrett. Kurzum: Kein Stoff für eine Jugendgeschichte. Ich habe dann meine Laufschuhe anzogen und bin durch den Regen um die nächste Talsperre gejoggt. Ich habe von der Sperrmauer aus in das Wasser gespuckt und auf der anderen Seite in die Tiefe geschaut. Zwanzig Meter gähnende Leere unter mir. Worüber sollte ich nun schreiben? Unter der Dusche beschloss ich der erotischen Literatur eine Chance zu geben. Ich habe Güntner und de Valesco von der Bettkante geschubst, stehe jetzt gar nicht mehr auf, mache mir auf der Matratze Notizen. Bisher bin ich zuversichtlich, ich komme gut voran. Sollte allerdings jemand mit mir nachts in ein Freibad einsteigen wollen, meldet euch gern. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät.

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