Das Letzte

Ich wurde gebeten, für künftige Erasmus-Studenten, die so genannten „Outgoings“, einen Erfahrungsbericht über meine Zeit in Wien zu verfassen. Dieser soll Angaben zu den Punkten Vorbereitung, Unterkunft, Studium an der Gastuni, Alltag und Freizeit sowie ein Fazit enthalten. Dieser Bitte komme ich hiermit nach.

Lieber Outgoing,

du stehst in den Startlöchern, du hast ein Ticket gebucht, du sitzt auf gepackten Koffern. Ist es bereits zu spät, dich umzustimmen? Ich hoffe nicht und selbst wenn, wird es den Versuch wert gewesen sein. Ich möchte dir hiermit von einem Erasmus-Semester in Wien abraten. Ich möchte dir überhaupt von einem Erasmus-Semester abraten. Warum willst du Hildesheim denn unbedingt verlassen? Ist diese Stadt nicht so etwas wie deine Heimat geworden? Gibt es nicht einen schönen Jungen oder ein starkes Mädchen, das du manchmal küsst? Entrichtest du hier nicht deine Rundfunkgebühren? Warum möchtest du all das aufgeben? Natürlich kann man viel Schlechtes über Hildesheim sagen (Die charakterlose Alltagssprache, die Autofahrermentalität, die vielen Gehbehinderten undsoweiter), aber wohnt man nicht letztlich in der Stadt, die man verdient? Sollte dem so sein, möchte ich dir aus ganzer Sympathie von einem Leben in Wien abraten. Denn ein solches, lieber Outgoing, hast du nicht verdient.

Ich hoffe, der folgende Erfahrungsbericht bringt dich zur Einsicht.

Vorbereitung: Es war organisatorisch sehr einfach, nach Wien zu gehen. Ich war der einzige Bewerber. Das hätte mich schon stutzig machen können.

Unterkunft: Wie viele Erasmus-Studenten kam ich in einem Studentenwohnheim unter. Ich lehne jede Romantisierung dieser Wohnverhältnisse entschieden ab. Studentenwohnheime sind dem Fortschritt der westlichen Kultur unwürdige Relikte einer Zeit, in der Tristesse, Dreck und sexuell übertragbare Krankheiten befürwortet wurden. Ich weiß nicht mal, welche Epoche das gewesen sein soll, aber ich habe ihre Renaissance erlebt – 13 Stockwerke lang in voll gekotzten Aufzügen. Gegen die Mär der Preisgünstigkeit von Wohnheimen, möchte ich betonen, dass diese nur zum Tragen kommt, ist man bereit sich das Zimmer mit einem anderen Studenten zu teilen. Mein Entsetzen, dass es so etwas in Mitteleuropa überhaupt gibt, hält bis heute an.

Studium: Ich belegte mehrere Kurse zu den Gattungen Prosa sowie Drama. Die Dozenten sind allesamt aktive Autoren und engagierte Lehrer, allerdings teils zu harmonieverliebt, auch etwas abzuverlangen. Viele deiner potentiellen Kommilitonen, lieber Outcoming, verwenden weitaus mehr Eifer auf ihre vernünftigen Zweitfächer – wie Afrikanistik oder Gartenbaukunst.

Alltag und Freizeit: Wien ist ein architektonischer Leckerbissen, aber hältst du das auch aus, lieber Outcoming? Der ganze Protz, Stuck, dieses unversehrt Schöne, die malerischen Gassen, wo soll das hin führen? Nach einem halben Jahr in der Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt, halte ich es mit dem kürzlich verstorbenen Richard von Weizsäcker: „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.“ Lieber Outgoing, sind die Bauruine des Hildesheimer Bahnhofs, der Betonchic des Hauptcampus‘ oder der Gestank am Hindenburgplatz nicht doch richtiger für dich? Die Österreicher sind geschickter im Umgang mit ihrer Vergangenheit, deswegen können sie sich die Erhaltung der ganzen Altbauten leisten. Aber sind wir, aufgewachsen in fatalistisch hoch gezogenen Innenstädten, bereit, diese Schönheit zu ertragen?

Fazit (beste und schlechteste Erfahrung): Aus einem fehl geleiteten Drang, mich zu integrieren, nahm ich schnell die schlechtesten Eigenschaften der Wiener an: Ich trank Dosenbier, rauchte in öffentlichen Gebäuden und ließ mir den Kaffee von gestern aufwärmen. Es dauerte etwas, bis ich die zurecht Spezialität genannten Produkte der österreichischen Küche entdeckte. Zwei Wochen nach meiner Ankunft und noch voller Zuversicht, bestellte ich mir (dosenbierselig) am Schwedenplatz meine erste Bosna. Ich war hungrig, ich aß mit großem Appetit, ja mit Begeisterung. Die Kombination einer Bratwurst, reichlich Zwiebelringen, Curry, Senf und Ketchup, eingefasst in einem knusprigen HotDogBrötchen erschien mir so einfach wie genial. Du fragst dich sicher, warum ich das erzähle, lieber Outcoming. Weil es symptomatisch ist für das Erleben von Städten. Die erste Currywurst in Berlin, Brezel in München oder Printe in Aachen ist die leckerste. Aber es kommt der Moment, an dem du nicht mehr daran glaubst, dass es wirklich mal schön war. Das war der Moment meiner zweiten und letzten Bosna. Ich kotzte sie in den Fahrstuhl, fühlte mich elend und ganz kurz auch einmal zugehörig, am Abend, bevor ich diese Stadt verließ. Zwischen diesen beiden Snacks liegen ein paar Monate, viele Erfahrungen und hunderte Zigaretten in öffentlichen Gebäuden – und ich hätte sie alle besser zu Hause im Regen geraucht.

Alles Gute lieber Outgoing,

M.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s