Ein Wochenende mit der Gegenwartsliteratur

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Am letzten Wochenende war ich beim Workshop des OpenMike. Der OpenMike ist ein Literaturwettbewerb, der jedes Jahr im November stattfindet. Die organisierende Literaturwerkstatt Berlin behauptet, dort tummeln sich die künftigen Romanautoren und Lyrikpäpste. Das wird dann regelmäßig von Zeitonline bestritten. Ich glaube, das ist eine Art Tradition, so wie die Schokohasen zu Ostern und die Zecken im Juli. Ebenfalls traditionell ist dieser Workshop in Caputh bei Potsdam. Ich war gern dort, vor allem weil ich Hotelzimmer mag.

Eine sehr talentierte Mitjungliteratin argwöhnte, ich assoziierte Hotelzimmer etwas zu sehr sexuell. Ich gab ihr recht, Hotelzimmer haben für mich immer eine erotische Komponente und das sei zweifelsfrei pubertär. Zur Strafe schlief ich dann auch allein. Was sonst geschah: Eine sehr erfolgreiche Autorin hat mir erschreckend uneitel meinen Text lektoriert. Ich habe viel Fisch gegessen, weil ich dachte, dass das hilft. (Hat nicht geklappt.) Ich habe Wellen unter einer dünnen Eisschicht beobachtet, diese sehr schön gefunden und darüber nachgedacht, wie man so etwas beschreiben könnte. Ein sehr sympathischer Verleger hat meinen Text lektoriert. Ich habe ihn wegen seiner blonden Haare und des Hilfiger-Hemds als Vorzeige-Hamburger bezeichnet, dabei ist er Hesse und das Hemd von H&M. (Ich habe mich ein bisschen geschämt.)

Eine sehr junge Mitjungliteratin hat mir erzählt, dass sie sich darüber Gedanken macht, wie sie Wellen unter einer dünnen Eisschicht beschreiben könnte. Ich habe gesagt, schreib doch einfach: Wellen huschten unter der zarten Membran wie blinde Ratten im Gebälk. Eine sehr aufmerksame Literaturwissenschaftlerin hat mir versichert, der Autor sei gar nicht so tot oder zumindest gäbe es da nationale Unterschiede. Ein sehr sehr Lektor hat mich als „King of Eitelness“ bezeichnet. Wir unterhielten uns über einen möglichen Zusammenhang zwischen Konjunktiv und Fatalismus. (Es gibt keinen. Glück gehabt.)

Am Morgen hat mich das Frühstücksfernsehen geweckt. (Es gibt nichts Unerotischeres als das Frühstücksfernsehen.) Wir sind dann alle mit dem selben Zug Richtung Berlin abgereist. Ich habe mir gewünscht, dass er entgleist und ins sehr trübe Wasser fällt. Das wäre es dann gewesen mit der jungen deutschen Gegenwartsliteratur. Schade nur, dass ich die Berichte nicht hätte lesen können.

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