Melancholie & Mitbewohner

Man hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt, vielleicht wollte man es mir auch verheimlichen. Vorgestern ist es dann aber rausgekommen: Ich wohne mit Regenwürmern zusammen. Das klingt abwegig, ich weiß. Ich war ja selbst überrascht, als meine Mitbewohnerin (kein Regenwurm, Erziehungswissenschaftlerin) mich bat, meinen Teebeutel nicht in den Kompost zu werfen. Die Würmer vertrügen keine Teebeutel. Wie oft im Leben wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Für solche Momente gibt es das Wort Überraschung und zum Glück kenne ich mich ein bisschen mit Sprache aus. Ich war also überrascht und guckte auch überrascht und meine Mitbewohnerin dann auch, weil sie angeblich gar nicht wusste, dass ich nicht wusste, dass wir mit Regenwürmern zusammen wohnen. „Weißt du das denn gar nicht? Wir wohnen mit Regenwürmern zusammen!“ -„Aber warum denn?“, fragte ich hilflos. Der Teebeutel in meiner Hand tropfte auf die Fliesen. „Wir sammeln ihren Urin und verkaufen ihn als Dünger!“ Ich schluckte. „Und wo sind die Würmer?“ – „Na in den Kisten im Bad“, rief sie, als wäre das ihr natürlicher Lebensraum. „Willst du sie mal sehen?“ Ich schüttelte den Kopf. Das Gespräch verlief nun stockend. Ich habe einfach nicht genug Erfahrung in solchen Dingen. Außerdem machen mich Regenwürmer immer etwas melancholisch. Als Kind habe ich im Garten meiner Eltern Regenwürmer ausgebuddelt und sie an die Hühner des Bauern nebenan verfüttert. Ein mal kam ein Mädchen aus der Nachbarstraße dazu und hat mir geholfen. Das Mädchen hieß Sina und bald wollte ich mit niemandem lieber Regenwürmer ausbuddeln als mit ihr. Unsere gemeinsame Leidenschaft wurde uns aber kurz darauf zum Verhängnis. Eines Sommertages bewahrte Sina sich ein paar Regenwürmer für später auf. Sie muss sie dann vergessen haben, jedenfalls fand ihre Pianistenmutter sie eine Woche später in ihren Hosentaschen. Von dem Tag an habe ich wieder allein gebuddelt. „Was hast du?“, fragte meine Mitbewohnerin. „Ach nichts“, sagte ich und warf den Teebeutel in den grünen Sack. Sie guckte missbilligend, ließ mich aber kommentarlos ziehen. Ich ging ins Bad, meine Schritte hallten leicht, strich mit der Hand über die Kisten und urinierte dann sehr traurig.

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