Wie mich ein Tyrannosaurus Rex aufklärte

triceratops-schaedel

Eine treue Freundin beanstandet, ich schreibe in letzter Zeit häufig über meine Kindheit. Abwechselnd argwöhnt sie eine verfrühte Midlife-Crisis, nippt an einem Chai-Latte und gibt ihrem Säugling die Brust. Wir sitzen auf einer Bank in diesem Park an der Torstraße, den wir nur den Verrückten Park nennen. Wie in einem Stück von Wolfram Lotz würde man sich hier nicht wundern, tauchte plötzlich ein Tyrannosaurus Rex hinter einem Busch auf. Der würde dann wohl feinsinnig versponnen Forderungen stellen, wie Theater heute zu sein hat oder sich ungefragt am Picknickkorb bedienen.

Meine treue Freundin rät mir, von Tiergeschichten Abstand zu nehmen. Ich widerspreche vehement. Der Biber etwa sei literarisch absolut unverzichtbar. Sie überlegt eine Weile, beobachtet entenfütternde Marilyn Manson-Fans und gibt mir endlich recht. „Da hast du recht“, sagt sie und ich bin froh, dass unser Treffen so harmonisch verläuft. Anderenfalls würde ich sie früher oder später tadeln, weil sie mich mit ihrem Säugling so überrascht hat. Als fernsehsozialisierter Mensch erwarte ich, dass Frauen sich übergeben, bevor sie Kinder gebären. In Filmen übergeben sich Frauen zuverlässig fünf Minuten vor der Niederkunft. Ich halte das für ein gutes System, obwohl es aus der Not geboren ist. Schließlich kann eine Kamera nur einfangen, was da ist und nicht, was ausbleibt.

„Mal abgesehen davon, dass das Ausbleiben einer Regelblutung natürlich in persönlicher Hinsicht aufwühlend, erschreckend/erfreulich und dringlich, visuell aber in jedem Falle unspektakulär wäre“, springt mir der Tyrannosaurus Rex zur Seite. „Sehr richtig“, schreie ich gegen sein Schnauben an. Meine treue Freundin fühlt sich von unserem Gespräch ausgeschlossen. Sie beanstandet, der Tyrannosaurus Rex habe überhaupt keine Berechtigung sich hier filmwissenschaftlich zu profilieren, habe ihm ein Meteorit doch schon vor 65 Millionen Jahren seine Lebengsgrundlage, wenn nicht sogar das Leben selbst entzogen. Der Tyrannosaurus Rex nimmt all das achselzuckend auf die leichte Schulter. Und trotzdem ist jetzt die Luft raus. Wir plaudern noch ein wenig über das Castorf-Urteil, dann geht jeder seiner Wege.

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