Der Unterschied zwischen Delfin und Mensch

Delfine, so erzählte mir ein treuer Freund, können ihre Atmung bewusst steuern. Jedem Atemzug gehe eine bewusste Entscheidung voraus. Das heißt, wenn der Delfin sich denkt: „I hate myself and I want to die, braucht der keine Schrotflinte, sondern stellt einfach das Atmen ein. „Tolle Tiere!“, rief mein treuer Freund und bestellte uns einen Elsässer Flammkuchen.

Menschen dagegen sind zum Atmen verdammt. Die Atmung wird über einen Teil im Gehirn gesteuert, der sich dem bewussten Zugriff verwehrt. Will ein Mensch nicht mehr atmen, muss er diesen Teil des Gehirns ausschalten. Dafür gibt es klassische (Strick) abgedroschene (Pulsadern), langwierige (Rauchen) und ziemlich clevere Methoden: Zum Beispiel der Selbstmordanschlag. Ich bin davon überzeugt, dass es keinen besseren Tod gibt, als bei einem Selbstmordanschlag umzukommen. Ich erläuterte meinem treuen Freund die These über den Elsässer Flammkuchen hinweg: „Mein treuer Freund, leg den Elsässer Flammkuchen weg und denk hierüber nach: Wenn du glücklich bist und bei einem Selbstmordattentat stirbst, stirbst du glücklich, also ohne vorher noch mal kurz unglücklich zu werden, weil du weißt, dass dein Leben, also auch dein Glück, bald vorbei ist. Und wenn du nicht glücklich, also geradezu unglücklich bist, dann ist dein Unglück wenigstens ruckzuck vorbei. Zudem hat dein Tod auch noch eine Bedeutung und Mutti sieht dich in der Tagesschau.“

Mein treuer Freund, dessen Berufsleben sich vor Excel-Tabellen abspielt, meldete organisatorische Bedenken an. Der Selbstmordanschlag sei zwar durchaus eine schätzenswerte Todesart, aber doch zumindest für den zuvor behandelten Selbstmord, gänzlich unbrauchbar. Welch ein Aufwand erforderlich wäre, um zu erfahren, wann und wo ein Selbstmordanschlag verübt wird. Da müsse der suizidale Mensch ja ewig recherchieren, womöglich weite Reisen unternehmen. Das traue er dem durchschnittlichen Selbstmordkandidaten gar nicht zu. „Der durchschnittliche Selbstmordkandidat ist ja eher so ein Schluffi – ziemlich schwächlich und jedenfalls keineswegs unternehmungslustig.“

„Es gibt eben noch viel zu wenige Anschläge“, entgegnete ich und forderte, es müsse einfacher werden, einen Anschlag vorauszuahnen und sich dann an den entsprechenden Ort zu begeben. Es mangele dem derzeitigen Terrorismus vor allem an Transparenz.

Mein treuer Freund stimmte mir zu. Er sei ohnehin ein wenig enttäuscht vom derzeitigen Terrorismus. „Also vor allem quantitativ. Es ist doch nun wirklich nicht so schwer. Anleitungen zum Bombenbau gibt es im Internet, die Bauteile im Baumarkt. Und trotzdem stagnieren die Zahlen der Anschläge in Europa. Da müssen sie schon in Paris gezielt Karikaturisten töten, um in die Schlagzeilen zu kommen. Das ist doch reine Symbolpolitik.“

„Vielleicht liegt es am Monopol“, warf ich ein. „Derzeit hat der islamistische Fundamentalismus eine marktbeherrschende Stellung. Warum greifen nicht auch andere, unzufriedene Gruppen zu drastischen Mitteln? Vielleicht die FDP, die GDL oder die Schlecker-Frauen?“

„Du meinst, der Markt soll es richten?“, fragte mein treuer Freund, der nicht weniger als drei Fidel Castro-Biographien besitzt. Ich betonte, in einer Zeit, in der das ganze Leben (einschließlich Fußball, Liebe und Wetter) nach kapitalistischen Mustern ablaufe, wäre es nur konsequent, folgte auch der Tod den Gesetzen dieses Marktes.

„Das müsste dann aber alles kontrolliert werden“, wurde mein treuer Freund sozialliberal.

– „Also einfach jeden Sonntag Anschläge auf dem Marktplatz?“

„Ja, aber erst, wenn die Stände auf dem Wochenmarkt abgeräumt sind. Denk doch an die Eier, das Gemüse und die ganzen anderen Produkte. Manche Leute wollen doch noch mal brunchen, bevor sie dann sterben.“

– Also mehr Anschläge. Eine größere Vielfalt der Täter. Und vor allem mehr Transparenz.“

„Ja, aber erst nachdem der Wochenmarkt abgeräumt ist.“

Ich reichte meinem treuen Freund über den Elsässer Flammkuchen hinweg die Hand. Mein treuer Freund schlug ein.

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Ein Gedanke zu “Der Unterschied zwischen Delfin und Mensch

  1. insofern etwas unschicklich, als dass auf die Art und Weise (wie bei den meisten anderen Arten auch), das Atemzentrum nicht direkt abgeschaltet wird, sondern einfach irgendwann ein bissi beleidigt ist von der ausbleibenden Blutzufuhr (und dem O2-Partialdruck darin) – und deshalb leise Servus sagt. Biologen gehen von etwa 15 Sekunden (useless) consciousness aus – was ich mir eher wieder weniger reizvoll vorstelle, quasi Ersticken bei Bewusstsein ohne jede Motorik. Meh. Eine Alternative (inklusive Distinktionspunkte) liefert zb. ein Sprengstoffturban oder -beanie statt obligatem Gürtel, das könnt klappen. Cheers.

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