„Ihr hat er gesagt, er geht zum Tischtennis“

Pegida schürt Angst vor der Islamisierung. Die Kanzlerin sagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Und was sagen die Muslime selbst? Ein Nachmittag im gespaltenen Berlin-Wedding.

„Köfte haben wir nicht mehr. Hast du denn gar nichts mitbekommen?“ Mustafa Kaya zeigt an seiner Eiffelturm-Mütze vorbei auf die Speisetafel. Die Gerichte wurden mit Edding durchgestrichen und durch neue ersetzt. Croissant statt Baklava, Crepes statt Lahmacun, Flammkuchen statt Köfte.
„Aber läuft Köfte denn nicht mehr?“
Er sieht mich ungläubig an. Köfte, das könne man doch nicht mehr essen nach all dem. Der Fanatismus, die Morde. „Je suis Charlie“, ruft er aus und fuchtelt mit seinem Dönermesser. „Jeder muss jetzt etwas tun. Ich bin solidarisch. Ich bekenne mich zu Europa.“
– „Dann nehme ich einen Crepe.“
Mustafa nickt zufrieden und streicht den Teig mit dem Messer glatt. Am Tisch nebenan unterhalten sich zwei Frauen über eine Quiche hinweg. „Er war immer zu Hause auf dem Sofa, war ein guter Mann. Und plötzlich will der jeden Abend raus. Ihr hat er gesagt er geht zum Tischtennis. Ja klar, und wo hat sie ihn wiedergesehen? U8, Berliner Fenster. Ist jetzt in Dschihad.“

Mustafa stellt mir den Crepe hin. „Ist scharf okay? War noch da von vorher.“ Ich danke ihm und setze mich an den Nachbartisch. Sollte sich der Heilige Krieg tatsächlich vor meiner Haustür abspielen?

Die junge Dunja nickt besorgt. „Mindestens einmal die Woche ruft eine Freundin bei mir an mit so einer Geschichte. Am Tag vorher schlägt er sie zu Hause, am Tag danach auf youtube Köpfe ab. Die haben echt keine Verantwortung, die Männer.“ Nesrin Ghafel streicht ihr beruhigend über den Arm. Die Iranerin hat gleich nebenan ihre psychotherapeutische Praxis. Auch privat ist sie Ansprechpartner für viele Frauen im Kiez. „Das alles hat auch etwas Gutes“, verrät sie, als Dunja gegangen ist. „So können sie verstehen lernen, dass sie die Männer gar nicht brauchen. Man kann sie für ganz andere Themen begeistern.“

Zwei mal wöchentlich versammelt sie eine Gruppe junger Frauen in Mustafas Kühlkammer. Wo früher die Dönerspieße hingen, wird heute über die Stellung der Frau im Islam diskutiert. Es sei alles noch sehr provisorisch, auch, was die Themen angehe. „Da geht es dann oft so: Was hat Allah, was ich nicht habe? Was will er mit den ganzen Jungfrauen? Blablabla. Aber man kann nicht direkt mit Judith Butler anfangen. Es ist ein Anfang.“ Sie lacht und schüttelt ihre dunklen Locken: „Und irgendwann verbrennen wir auf dem Leopobaldplatz ihre Kopftücher.“

Ich wünsche ihr viel Glück, Mustafa will mir seine Teestube zeigen. Das Café liegt direkt an der Badstraße, die den schmutzigen Wedding mit den Glasfassaden der Mitte verbindet. Ich habe einmal in der Nähe gewohnt. An Sommertagen mischten sich Lärm und Abgase mit orientalischer Musik und dem Zigarettenrauch aus der offen stehenden Tür. Hinter dem Dunst saßen den ganzen Tag arabische Männer an runden Tischen und spielen Karten. Aber all das scheint vorbei zu sein.

„Gegen Nikotin kann man nichts machen“, sagt Mustafa und steckt sich eine Marlboro an. „Aber der Terror hat bei uns keine Chance.“ Er hat das Café zusammen mit seinen Schwager Ümit komplett umgebaut. Es heißt jetzt „Abendland“.

„Vorher war das hier eine Parallelwelt. Jetzt ist es eine richtige deutsche Bar.“ Stolz streicht er über die Holztheke, während Ümit uns routiniert drei Pils zapft. Aus den Lautsprechern ertönt „Freude schöner Götterfunken“, an den Wänden hängen gerahmte Mohammed-Karikaturen. Dazwischen verschanzen sich eine Hand voll rotnasiger Gäste hinter ihren Bibeln. Ob das Café nicht seine Stammkunden verloren habe?

„Ach, die werden schon wieder kommen“, Ümit stürzt einen Magenbitter. „Und selbst wenn nicht, wir müssen jetzt ein Zeichen setzen. Hat auch die Kanzerlin gesagt.“ Er deutet auf das Bild Angela Merkels über der Theke. Sein Kopf liegt genau in ihrer verschränken Händen. Die beiden prosten mir zu, “Wir sind das Volk“. Bierschaum verfängt sich in ihren Schnäuzern.

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