ISIS an der Ostsee

Der Intendant des Rostocker Volkstheaters, Sewan Latchinian, ist fristlos entlassen worden. Der Grund: Er hat auf einer Kundgebung die Kulturpolitik der Stadtverwaltung mit der des IS verglichen, der im Irak gerade die Weltkulturerbestätten Lamassus sprengt. Das Rostocker Volkstheater ist ein Vierspartenhaus in Geldnot, das heißt ein ganz gewöhnliches deutsches Stadttheater. Es wird vermutlich nie den Stellenwert der dreitausend Jahre alten Lamassu-Statuen erreichen und die Stadtverwaltung Rostocks hat ganz andere und auch bescheidenere Ziele als die gewaltsame Gründung eines Gottesstaates. Man könnte sagen: Auch wenn die Stadtverwaltung nun Latchinians Kopf fordert, ist der IS doch ungemein gefährlicher. Der Vergleich hinkt, im Grunde ist aber auch nicht wirklich was passiert.

Der Intendant stand seit Beginn seiner jungen Amtszeit in Konflikt mit der Stadt, weil diese gleich zwei Sparten des Theaters streichen wollte. So erscheint der IS-Vergleich nur als Anlass für seine Entlassung. Man darf eben nicht alles mit allem verglichen. Nur, warum eigentlich nicht?

Der Vergleich ist zunächst mal eine sehr effizientes Mittel zur Strukturierung der Welt. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass unsere Wahrnehmung über Abgrenzung und Ähnlichkeit funktioniert. Die Masse an Sinnesdaten, die sekündlich auf uns eindringt, muss gefiltert werden. Nur, was heraussticht, wird bewusst wahrgenommen und auch erinnert. Der Vergleich organisiert unseren Alltag und mehr noch: Unser ganzes Leben. Man kauft sich lieber einen AUDI, als einen OPEL, um Sonja zu beeindrucken, die ein viel schöneres Schlüsselbein hat als Ehefrau Sabine, die sowieso nervt, weil sie besser Tischtennis spielt als man selbst. Da können Psychotherapeuten uns noch so sehr vor dem Vergleich mit anderen warnen, wir bewerten ihre Praxen im Internet und reifen zu unglücklichen Erwachsenen beim Anblick schönerer, erfolgreicherer, intelligenterer Menschen. Der Vergleich schafft und stabilisiert Identität und Persönlichkeit, er fördert Erkenntnisse über sich selbst und die Welt zu Tage. Und mehr noch: Er fordert allererst heraus, sich mit anderen in Beziehung zu setzen.

Die meisten Vergleiche finden allerdings im Stillen statt, sie werden nicht kommuniziert. Die Schlussmach-Formel: „Es gibt keinen Anderen und es liegt auch nicht an dir“, ist eine dieser höflichen Lügen, unter deren Oberfläche das Gegenüber längst an Wert verloren hat. Hierin liegt die Verfehlung Latchinians: Er hat das ungeschriebenen Gesetz missachtet, dass öffentlich nicht alles verglichen werden darf. Auf einen solchen Fauxpas folgt das ewig gleiche Geschrei, in dem nicht wenige bereits untergegangen sind. Dabei hat der scheidende Intendant nicht mal den Klassiker der ungeliebten Vergleiche bemüht. Alle paar Monate behauptet jemand, etwas sei wie im Dritten Reich abgelaufen. Daraufhin folgt die Empörungsmaschine, aber wer sich früh genug entschuldigt, darf seinen Job behalten.

Die Begründung für die ganze Aufregung ähnelt auf erstaunliche Weise der einzigen Weisheit der Mathematiklehrer: Man könne nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Und genau hierin liegt der Fehler. Schon alleine, dass es die Einheiten „Äpfel“ und „Birnen“ gibt, zeugt von einem vorangegangenen Vergleich. Einzig Gott konnte sich einige Jahrtausende gegen Vergleiche wehren. Gut unterrichteten Quellen zur Folge ist er aber schon mindestens hundertdreißig Jahre tot, vielleicht gerade wegen seines unerträglichen Verbot jedes Vergleichs: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“?

Tatsächlich ist alles vergleichbar, muss sogar alles miteinander verglichen werden. Der Vergleich ermöglicht einen Zugriff auf die Welt, strukturiert und erklärt sie und noch wichtiger: Vergleiche setzen einen selbst in Verantwortung zur Welt. Jede Schelte nach einem Nazi-Vergleich mythisiert die Schrecken des Nationalsozialismus und rückt die Verbrechen unserer Mütter, unserer Väter weiter in die Ferne. Wenn kein Vergleich zulässig ist, dann können das auch keine richtigen Menschen, also solche wie wir, gewesen sein.

Und was ist nun mit Latchinians IS-Vergleich? Die deutsche Orchester- und Theaterkultur wurde Ende des letzten Jahres von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Kann die Sparpolitik der Rostocker Bürgerschaft also mit der Barbarei des IS verglichen werden? Selbstverständlich. Natürlich ist die Kulturpolitik Rostocks, so sehr sie den Etat ihres Stadttheaters auch kürzen wollen, nicht barbarisch und Bürgermeister Methling ist kein Kulturfeind, sondern nur Oberhaupt einer Stadt mit leeren Kassen. Die Aussagen Latchinians waren als Provokation gedacht, sie waren vielleicht geschmacklos aber in ihre Funktion als Vergleich statthaft. Nur indem Bezüge gesetzt werden, entsteht Verantwortung. Sowohl die Weltkulturerbestätten Lamassus als auch das Stadttheater Rostock sind Orte, an denen auch unsere Vergangenheit und Gegenwart verhandelt werden. Sind sie in ihrer Existenz bedroht, stellt sich die Frage, was wir bereit sind, für ihren Erhalt zu investieren. Soviel sei klar wie Kloßbrühe.

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Ein Gedanke zu “ISIS an der Ostsee

  1. Das Stadttheater Rostock ist mitnichten Weltkulturerbe.
    Da lassen sie bitte bei aller ihrer Relativierung und Verharmlosung des Terrors der Glaubensterroristen des IS die Kirche bitte im Dorf.
    Die Theater- und Orchester“landschaft“ der Bundesrepublik wurde nach massiver Lobbyarbeit der Verbände der Orchestermusiker und der Theaterdarsteller in die, durch die deutsche UNESCO-Kommission neugeschaffene, Liste der immateriellen Kulturgüter der Bundesrepublik aufgenommen. Das ist der Fakt.
    Also weit entfernt von Weltkulturerbe.

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