Als Kind durfte ich noch nicht rauchen

In meinem Umfeld wird hin und wieder eine Frau schwanger. Das ist ein neues Phänomen. Vor fünf Jahren ist in meinem Umfeld noch gar keine Frau schwanger geworden. Spontane Verabredungen auf Feierabendbiere sind nun vergleichsweise selten, aber das ist halb so schlimm. Letztlich ist das Feierabendbier auch nur eine ritualisierte Form der Ablenkung, die sich über die Jahre merklich abnutzt. Würde man in den Bars dieser Stadt nicht so schnell unglücklich, bräuchte man dort keinen Alkohol ausschenken. Würde in Opiumhöhlen richtig gute Unterhaltung geboten, ich bin sicher, in Afghanistan verdorrten die Mohnfelder. Solltest du Opiumhöhlenbetreiber sein, lass dir was einfallen. Nur ein gutes Unterhaltungs-Konzept trennt dich von der Legalität. Vielleicht irgendwas mit Seifenblasen oder Papierfliegern für den Anfang.

Seifenblasen und Papierflieger gehören zu den Sachen, die ich mir aus meiner Kindheit bewahrt habe. Allerdings habe ich das Spiel mit ihnen modifiziert. Ich forme die Seifenblase mit dem Rauch einer Zigarette. Wenn sie schwebt, hat sie einen angenehm gräulichen Ton und gibt so ein gutes Ziel für die sehr guten Papierflieger ab, mit denen ich sie abschieße. Ich bin kein Militarist, ich bin Ästhet. Ich mag die Rauchwölkchen, die aus den zerplatzen Seifenblasen in den Himmel steigen.

Als Kind durfte ich noch nicht rauchen und meine Seifenblasen waren nicht so spannend anzuschauen. Als Kind konnte ich auch keine sehr guten Papierflieger bauen. Ich glaube, dass ohnehin alles viel besser geworden ist, seit ich kein Kind mehr bin. In meinem Umfeld wird diese Haltung kritisch gesehen. Kindheit gilt als paradiesischer Zustand, Kinder hätten zum Beispiel gar keine Probleme, zumindest keine ernsten. Kinder haben keine 50 Stunden Jobs, keine Steuererklärung, kein Problem mit dem Getriebe.

Ich lehne die Idealisierung der Kindheit ab. Man muss nicht Schüler eines katholischen Internats gewesen sein, um sich auch als Kind hin und wieder unglücklich zu fühlen. Kinder weinen ja auch ständig, dafür muss es doch einen Grund geben. Zugegeben, Kinder lassen sich auch recht leicht trösten. Eben noch kreischen, zetern und wüten sie mit voller Berechtigung, weil sie keinen Rauch in eine Seifenblase pusten dürfen. Dann kriegen sie ein Überraschungsei in die Hand gedrückt und alles ist wieder so mittelokay. Das bedeutet aber nicht, dass der Schmerz vorher nicht echt war. Kinder vergessen vielleicht schneller wieder, dass sie eben noch unglücklich waren, aber in der Summe würde ich behaupten, dass das Unglück bis zur Geschlechtsreife schon für ein ganzes Leben reicht. Danach wird ja auch alles leichter. Es gibt 50-Stunden Jobs, Steuerklärungen, Probleme mit dem Getriebe und danach ein Feierabendbier. Und wenn das nicht mehr hilft, warum nicht Kinder kriegen? Es ist alles so einfach.

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