Schluss mit der Paranoia

Bis vor Kurzem habe ich mich verfolgt gefühlt. Ich hielt meine Webcam abgeklebt, verschlüsstelte meine E-Mails und nutzte Anti-Tracking-Software – wohlwissend, dass das alles nicht viel hilft. Es heißt, das Internet wisse ohnehin alles über mich. Ob ich lieber Schwarzwälder Kirschtorte oder Topfengolatschen mag, welches Rezept ich verwende, mit wem ich sie backe und wer von uns die Teigschüssel auslecken darf – das alles sei längst kein Geheimnis mehr. Inzwischen weiß ich: An diesen Gerüchten ist nichts dran. Vergesst Snowden, Assange, Chelsea Manning. Das mit Big Data ist alles eine große Lüge.

Hier ist der Beweis: Wenn ich die Seite der Google-Tocher Youtube aufrufe, bekomme ich seit Kurzem Videos von Unge empfohlen. Falls ihr den nicht kennt: Unge ist Backpacker, Vegetarier, Longboarder und vor allem ein Youtube-Star.

In seinen Videos reist er in exotische Länder (wie Costa Rica oder Thüringen), wo er vegetarische Gerichte isst und Longboards in die Kamera hält. Meistens ist er dabei von seinen Freunden umgeben, die permanent den Eindruck erwecken, als wäre die Doppelstunde Bio ausgefallen. Wenn irgendwas besonders Spannendes passiert, ist der Titel fett markiert. Zum Beispiel gibt es das Video „Heftigster SCHOCK bisher“, in dem sich Unge live vor der Kamera erschreckt. Oder das Video „Let’s drink. FLASCHE EXPLODIERT“, in dem Limo aus einer Flasche raussprudelt. Unge trägt „Obey“-Shirts, hat Dreadlocks und benutzt oft Wörter wie „mega“ oder „hammer“ und „L.A.“ und findet außerdem, man solle jedem Tag die Chance geben, der schönste des Lebens zu werden.

Davon abgesehen halte ich ihn für den uninteressantesten Menschen, auf den ich jemals im Internet gestoßen bin. Ich hätte mehr Interesse an der Meinung der Hauptdarstellerin aus „Elizabeth sucking cock to pass the test“ zur Reform des marokkanischen Bildungssystem, als an Unges Gesammelten Banalitäten à la „Klicks unter Palmen“.

Um das klar zu stellen: Ich möchte nichts Schlechtes über Unge verbreiten, im Gegenteil ich bin ihm sehr dankbar. Er beweist, dass das Internet mich nicht kennt. Vielleicht sogar ein bisschen zu wenig. Deswegen an dieser Stelle noch ein paar Intima: Ich mag lieber Schwarzwälder Kirschtorte als Topfengolatschen, am liebsten gebacken von Mitja und die Schüssel lecke natürlich ich aus. In diesem Sinne: Haut rein, Leute.

Keine Angst vor der Flasche.
Keine Angst vor der Flasche.
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Ein Gedanke zu “Schluss mit der Paranoia

  1. Unge und der Longboardführerschein…
    Was bleibt, ist die Frage: Wie überlebt ein Hobby-Vegetarier in Thüringen? Das schreit nach einem Jenke Experiment!

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