schlimm ist schön und schön ist schlimm

Ich bin eher Ästhet als Moralist. Ich finde zum Beispiel, man kann über die Aufrüstung der NATO oder die russische Besetzung der Krim durchaus unterschiedlicher Meinung sein, habe aber keine Zweifel, dass man Camouflage mindestens seit 10 Jahren nicht mehr tragen kann. Wenn Freunde von mir mit Macheten, Kalaschnikows und der neuen Sibylle Berg Kolumne in meiner Tür stehen, bereit das Schweinesystem der heteronormativ organisierten Kindertagesstätte dem Erdboden gleich zu machen, rate ich ihnen erst mal, die blöden Baskenmützen abzulegen.

Ich frage mich nicht, ob etwas gut ist, sondern erst mal, ob es gut aussieht. Jetzt wirst du vielleicht mit dem Kopf schütteln oder diesen Gedanken für pubertär halten, die Augenbrauen despektierlich lüpfen und deine Steuererklärung anfangen. Aber, glaub mir, so anders bist du auch nicht.

Nehmen wir an, du musst feststellen, dass jemand deine Schwarzwälder Kirschtore aufgegessen hat. Du zitierst deine beiden Mitbewohnerinnen zum Verhör vor den Kühlschrank. Die eine beugt ihren schlanken Hals in Richtung Fußboden und klimpert mit ihren geschwungenen Wimpern ein Chopin-Stück, die andere fuchtelt schüchtern mit ihren Wurstfingern im fettigen Haar wie Lemmy von Mötorhead. Mal ehrlich: Wen würdest du eher verdächtigen?

Das Prinzip im Schönen auch das Gute zu vermuten, ist längst institutionalisiert. Emma Watson ist Gleichstellungsbeauftragte der UNO, Angelina Jolie kümmert sich um Flüchtlinge, Scarlett Johannson warb eine Weile für Oxfam. Man kann nur darüber spekulieren, ob alle drei sehr schlau oder geschickte Diplomatinnen sind, außer Frage steht, dass sie sehr gut aussehen. (Na gut, bei Angelina Jolie kann man sich nie so sicher sein, die lässt sich ja alle paar Monate was entfernen.) Natürlich braucht es für diese Positionen prominente Gesichter und ein Gesicht wird leichter prominent, wenn es weniger Pickel und äußere Zahnspangen trägt als der Durchschnittsbürger. Aber meine Vermutung ist, dass Schönheit prinzipiell zum Guten verpflichtet. Sie ist nicht nur ein Marketinginstrument für das Gute, wer schön ist, muss geradezu gut sein. Und daran glaube ich nicht.

Ich finde Menschen immer am schönsten, wenn sie etwas Falsches tun, wenn sie gierig sind, wenn sie zu viel trinken und so heftig küssen, dass sie fremde Lippen verletzen. Wenn sie sich eine Zigarette anstecken wollen und merken, dass sie schon eine im Mundwinkel haben, wenn sie wieder mit etwas anfangen, was sie krank macht, wenn sie mit 100 Jahre altem Whiskey den Rasen wässern, wenn sie über Mauern klettern, einfach, weil die da stehen. Wenn sie nicht schlafen gehen wollen, weil es dann vorbei ist und wenn sie sich doch hin legen, dann mit offenen Augen, damit es morgen auch sicher weiter geht.

Ist das gut? Nein, ganz sicher nicht, aber manchmal sieht es gut aus.

Das war’s. Jetzt kannst du den Kopf schütteln, das alles pubertär finden, die Augenbrauen despektierlich lüpfen und endlich deine Steuerklärung machen. Oder nicht, oder du gehst raus und vielleicht passiert sogar was und vielleicht machst du irgendwas kaputt. Ich warte.

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