Für alle, die es wissen wollen*

Mit „Wie wir leben wollen“ und „Wir sind viele“ sind zwei Gesprächsrunden bei Prosanova nach Titeln der Hamburger Band Tocotronic benannt. Das ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil. Die Pop-Literatur mag angestaubt sein, Irony ist schließlich over, Tocotronic bleiben dessen ungeachtet die Rolling Stones der Intellektuellen des 21. Jahrhunderts. Die Texte des Sängers Dirk von Lowtzow bieten einen unerschöpflichen Pool an Wendungen, aus dem sich vor allem Journalisten gerne bedienen.

Nach einer kurzen Internetrecherche stößt man auf zahlreiche mit „Wie wir leben wollen“ betitelte Artikel. So etwa der Aufruf unsere Stadt (München) solle schöner werden (jetzt.de; Kathrin Hollmer), ein Dossier zum Thema Nachhaltigkeit (faz; Nils Minkmar) sowie ein Vergleich des westlichen Lebensstils mit dem Konzept des „Guten Lebens“ in Ländern wie Bolivien und Ecuador. Der Text wird begleitet von einem Foto, auf dem ein dicklicher Junge mit Kopfschmuck und Stammesinsignien um den Hals in eine Portion rosane Zuckerwatte beißt (weltsichten/osk).

Ferner findet sich ein Kommentar über das Freihandelsabkommen TTIP (Eric Bonse) in der taz, die, sonst wäre sie nicht die taz, in einem weiteren Artikel gleich antwortet „wie wir leben sollten“ (Claus Leggewie). Mehr als auf Nachhaltigkeit und grünen Kapitalismus ist der Rekordnationalspieler Lothar Matthäus im Zuge seiner Bemühungen um einen Trainerschein bedacht: „So lange wir leben, wollen wir lernen“ (sz; Johannes Aumüller).

Der Passus „Wir sind viele“ fungiert derweil gleichermaßen als Mutmacher und Drohung im Kontext oppositioneller Bewegungen, sei es in Heribert Prantls „Anklage gegen den Finanzkapitalismus“, zahlreichen Artikeln über die Occupy-Bewegung (spon) oder dem Zusammenschluss unzufriedener Schüler, die sich mit der Parole „Wir haben Wut, Wir haben Angst, Wir haben Bock“ gegen das Bildungssystem in Stellung bringen. Pop ist politisch, Politik ist Pop, wurde spätestens klar, als Pro7 eine Reportage über eine 9-köpfige Familie mit „Wir sind viele! Die Großfamilie“ betitelte. „Es ist Mittagszeit und Mutter Ute bereitet Tiefkühlkost zu. Frisches Gemüse können sich die Weilandts nur selten leisten.“

Natürlich stammen „Wir wir leben wollen“ und „Wir sind viele“ nicht ursprünglich von Lowtzow. „Wir wir leben wollen“ rührt an die erste (ethische) Frage: Was soll ich tun? und denkt sie (hedonistisch?) weiter. Auch der Ausspruch „Wir sind viele“ kommt nicht aus Hamburg, sondern aus Galiläa, es ist ein Zitat aus dem Evangelium nach Markus. Die Häufigkeit der Fundstücke kurz nach dem Release der jeweiligen Stücke lässt aber zumindest darauf schließen, dass Pop seine archäologische Aufgabe im Dienst des kulturellen Gedächtnisses ernst nimmt. An von Lowtzow ist ein guter Werber verloren gegangen, die Alben Tocotronics erscheinen so als virale Kampagnen für Humanismus und Christentum. Auch zu diesen Grundwerten unserer Kultur bekennt sich Prosanova. Hier ist der Beweis.

*Abgedruckt in „Prosanova 4: Ein Kommentar. Edition Pæchterhaus 2014“

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