Das Internet ist katholisch

Ich war mal Ministrant. (Nein, hat nicht weh getan.) Das war so üblich in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Samstags Gras an der Bushaltestelle, sonntags Weihrauch am Altar. Was sollten wir auch machen? Wir hatten nicht nur nichts, wir hatten auch kein DSL. Auf dem Schulhof rotteten sich Banden zusammen, um gemeinsam die Telekom zu erweichen, endlich eines dieser schmerzlich vermissten Kabel zu verlegen. Ich glaube, dass der Reflex wegen aller unliebsamen Entwicklungen (Globale Erwärmung, Völkermord, Markus Lanz) eine Petition zu verfassen, von Menschen wie mir herrührt, die schon sehr früh eine Institution mit unablässigen Forderungen bedrängten, bis sie dann endlich da war: Die wundersam schnelle Verbindung.

Etwa zeitgleich gab ich mein Amt als Messdiener auf. Ich habe bislang immer gedacht, dass es sich dabei um einen Zufall handelte, dass ich als Pubertierender vielleicht zu eitel für diese schlabberigen Roben wurde oder dass ich Kirchendienst und Masturbation nicht vereinen konnte. Aber einige Ereignisse der letzten Zeit lassen mich auf den wahren Grund schließen: Ich bin spirituell woanders fündig geworden. Das Internet selbst funktioniert zutiefst katholisch. Ja, wir sprechen nicht zu Unrecht von der „Netzgemeinde“.

Zwei Beispiele: 1. Justine Sacco steigt in ein Flugzeug, twittert: „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just Kidding. I’m White!“, steigt aus dem Flugzeug aus und ist ihren Job los. (Christliche Volksweisheit: Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.) 2. Die Kellnerin Liz Woodward spendiert zwei Feuerwehrleuten ein Frühstück, was diese so toll finden, dass sie es auf Facebook posten, was die Facebook-User so toll finden, dass sie mehrere zehntausend Dollar für Woodwards kranken Vater spenden. (Theologische Lehre: Der Himmel beginnt auf Erden.)

In all den Jahren am Altar ist mir nie ein solcher Fall von göttlicher Gerechtigkeit widerfahren wie in diesem Sommer an der Tastatur. Natürlich waren weder Gott noch die Telekom für die Strafe bzw. Belohnung zuständig. Es sind die Massen der Internet-Nutzer, es ist der Schwarm, der sich seine Seele an guten Taten wärmt bzw. mit dem Zorn der Gerechten wütet. Aber dieser Schwarm verhält sich in erstaunlichem Weise alttestamentarisch. Der Shitstorm ist das Inferno, Freital und Pegida das neue Sodom und Gomorrha und MännerndiederOmaanderKasseeinpaarCentsdazubezahlen bilden mit Til Schweiger das auserwählte Volk. Halleluja!

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