Wer Gentrifizierung sagt, will nur ficken

Ich habe 2/3 meines Lebens in einem westfälischen Dorf verbracht. Meine Erinnerung ist entweder lückenhaft – oder es ist wirklich sehr wenig passiert. Als Grundschüler verbracht ich viel Zeit damit, einen Gummiball gegen die Garagentore meiner Eltern zu schießen. Als Realschüler auch. Als Gymnasiast war ich dabei betrunken. Das war es mehr oder weniger.

Annäherung an das andere Geschlecht gestaltete sich schwierig. Zwar wollten alle knutschen und fummeln, aber uns wurde beigebracht, dass man sich davor kennen lernen müsste. Das war nicht leicht. Es gab keine Gesprächsthemen. Auf dem Dorf veränderte sich nichts. Sie haben irgendwann ein paar Bäume abgeholzt, die wir kindlich-euphemistisch „Wald“ nannten und drei Doppelhäuser und einen Spielplatz hingestellt. Das war die größte Veränderung, die ich in meiner Jugend erlebt habe. Ich glaube, mir hat das nicht geschadet. Ich schaukele ja auch gern.

Das restliche Drittel meines Lebens verbrachte ich in den Großstädten unseres Landes. Ich glaube, dass Großstädte in erster Linie für junge Menschen aus der Provinz gebaut wurden, die sehr viel Sex nachzuholen haben. Das legen zumindest meine Erfahrungen von Partygesprächen nahe. Spätestens nach dem ersten tiefen Blick in die Augen einer Beck’s-nippenden Schönheit entwickelt sich das Gespräch in routinierter Weise:

„Und wo wohnst du?“

„In X.“

„Ach, X kommt ja.“

„Ja, wird auch immer teurer.“

„Ja, wenn ich da dran denke, was ich noch vor vier Jahren bezahlt habe.“

„Ja, ist echt krass. Ich dachte schon, ich finde gar nichts mehr in X. Hab schon in Y und Z gesucht.“

„Aber da ists ja auch nicht besser.“

„Nee, und jetzt bin ich wieder in X und denk mir, das ist nicht mehr das X, das ich geliebt habe.“

„Ja, vor ein paar Jahren gab es da noch diese kleine Boutique, diese wunderschön heruntergekommenen Eckkneipen und diese türkische Bäckerei.“

„Und die Dönerbuden.“

„Ja, wie schön das mit den Dönerbuden war.“

„Total tolle Dönerbuden. Überhaupt Döner – sowas von lecker. Es gibt ja überhaupt keinen Döner mehr inzwischen. Nur noch vegane Bistros, nur noch Brunch, nur noch unabhängige Burgerläden.“

„Ach, da werde ich abwechselnd traurig und wütend, wenn ich daran denke.“

„Ja, schlimm. Soll ich dich mal in den Arm nehmen?“

Und wenig später stolpern sie in X an Szenebars voll mit Spaniern vorbei in eine überteuerte Wohnung und haben sehr authentischen Sex.

Liebe Gentrifizierungskritiker, euer Vorspiel ist ebenso politisch korrekt wie unaufrichtig. Wenn euch an dem heruntergekommenen Charme eures Kiezes wirklich etwas läge, würdet ihr auch dafür sorgen, dass die  schmuddeligen kleinen Läden da bleiben, wo sie sind. Aber ihr wollt lieber Whiskey Sour statt Futschi trinken und lieber laktosefreies Eis statt Nogger vom Späti und ihr wollt lieber einen Mediziner als das Kind eines türkischen Gemüsehändlers heiraten.

Das ist total okay, aber warum sind wir nicht ehrlich zueinander?  – Gerade gegenüber den Menschen, mit denen wir vielleicht den Rest unseres Lebens verbringen, mit dem wir uns eine Zukunft aufbauen und gemeinsam die Frucht unserer Liebe vor der Zumutung verlodderter Sozialhilfe-Kinder schützen. Soll am Beginn dieser wunderbaren Verbindung eine Lüge stehen?

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