Immer nur Arschloch rufen, hilft nicht

Und dann öffneten sich die Schleusen und plötzlich waren sie überall. Von Dresden marschierten sie über Günter Jauchs Gasometer bis in eure Timeline: Die Dummen. „Dumm“ – das ist das offizielle Adjektiv der Anhänger von Pegida, AfD undsoweiter – also derjenigen, die für sich selbst den sehr vernünftig klingenden Titel „besorgte Bürger“ wählten.

Dass die sich Sorgen machen, glaube ich ihnen sogar. Wer glücklich und zufrieden ist, läuft sicher nicht jeden Montagabend brüllend durch den Novemberregen. Bürger sind sie wahrscheinlich auch, sonst würden sie ja nicht unablässig auf Deutschland herumreiten. (Deutschland hier, Deutschland da.) Also: Warum konnten wir unbesorgten Demokraten es nicht einfach bei der von ihnen gewählten Bezeichnung „besorgte Bürger“ belassen?

Logisch: Weil die Wörter „besorgt“ und „Bürger“ uns gehören. Weil das gute Sachen sind: „Bürger“ hat was von Verfassung, von Grundrechten und ohne die Pünktchen hieße es Burger (etwas, was wir doch alle lieben). Und „besorgt“? „Besorgt“ ist auch gut. „Besorgt“ klingt nach Heiße-Milch-ans-Krankenbett-bringen, nach Lieber-noch-mal-küssen-bevor-mein-Mädchen-Fallschirm-springt und nach sorgfältiger Prüfung von Haltbarkeitsdaten. Das sind also wirklich schöne Wörter und deswegen wollte die niemand an das Pack verschwenden.

Denn mit den Dummen möchten wir nichts zu tun haben – das ist uns einfach zu blöd. Problem daran: Auf Dauer wird das schwierig werden. Egal, ob wir sie haben wollen oder nicht, die Dummen überschwemmen uns. Täglich loggen sich zehntausende Dumme bei Facebook ein. Wo sollen die alle wohnen und wer gibt ihnen einen neue Stelle, nachdem die Antifa sie beim Arbeitgeber angeschwärzt hat?

Unsere Gesellschaft wirkt hilflos, seit es so viele Dumme gibt. Wir haben mit ihnen einfach keine Erfahrung. Es gab bislang keine dummen Menschen in Deutschland. Es gab vielleicht Menschen, die nicht lesen konnten, Menschen mit Lernschwächen und Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen, und Menschen, die Fußball spielen. Aber dumm waren die zum Glück nicht und deswegen haben wir uns um sie gekümmert. Wir haben ihnen lesen und schreiben beigebracht, Medikamente gegeben und beim Fußball spielen zugeguckt. Es wäre vermutlich vieles leichter, billiger und weniger stressig gäbe es diese Menschen nicht, aber sie sind nun mal da. Man kann sich über sie aufregen und sie beschimpfen oder sich Gedanken darüber machen, wie man am besten mit ihnen zusammenlebt.

Anders bei den Dummen. Wenn jemand einen anderen dumm nennt, heißt das, dass er nicht so ist wie man selbst (nämlich schlau) und, dass daran auch nichts zu ändern ist. Es ist furchtbar leicht, jemanden dumm zu nennen. Das hat nicht viel mit mit Sorgenmachen, Solidarität, Verfassung, Miteinander und Gesellschaft zu tun. Im Gegenteil: Es ist ein barbarischer Akt, jemanden für dumm zu erklären. Wer dumm ist, mit dem muss man sich nicht befassen. Gegen Dummheit helfen keine Pillen. Der Dumme hat seine Stellung in der Gemeinschaft der Vernünftigen verwirkt. Er wird ausgeschlossen, er soll nicht dazu gehören, er soll nicht ein Teil von uns sein. Er soll so schnell wie möglich zurück, wo er hergekommen ist.

Ich habe viel Verständnis für diese Haltung, aber mal ehrlich – so richtig schlau ist sie nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s