Re: Samstag, 28. November 19:00 Alte Kupferschmiede NIER + THE BRIBE & THE MOCKERY

Lieber Florian,

entschuldige bitte. Ungefähr zwei Mal im Monat bekomme ich eine ausführliche E-Mail von dir, aber ich habe dir bisher immer nur sehr kurz geantwortet. Ich schrieb dann meistens so etwas wie „Lieber Florian, würden Sie mich bitte aus Ihrem Verteiler nehmen?“ Klar, dass du darauf nicht reagiert hast. Es ist unhöflich, seine Freunde zu siezen. Deine E-Mails an mich leitest du immer mit „Liebe Freundinnen und Freunde“ ein.

Es ist okay, dass wir befreundet sind, ohne uns persönlich zu kennen. Schießlich sind wir ja auch alle bei Facebook. Früher war das, glaube ich, alles anders. Früher hat man mit Menschen viel Zeit verbracht, manchmal sogar mit ihnen zusammen gewohnt und sie bei jeder Gelegenheit penetriert, bevor man endlich Freunde werden konnte. (Es war nicht alles schlecht #20thcentury.)

Im Englischen gibt es diese tolle Bezeichnung „making friends“. Der amerikanische Optimismus hat etwas für sich, bedeutet „making friends“ doch, dass Freundschaften nichts damit zu tun haben, ob sich zwei Menschen treffen, sondern, dass man sie selbst produzieren kann. Man muss nur aufgeschlossen durchs Leben gehen. Ich glaube, lieber Florian, du bist ein amerikanischer Optimist.

Du schreibst in deinen E-Mails meistens über Kulturveranstaltungen in einer hessischen Provinzstadt. Du musst wissen, lieber Florian, Ich interessiere mich nur für sehr wenige Sachen. Den Wetterbericht, die SZ-Kolumne von Axel Hacke und ganz Zentralasien finde ich zum Beispiel ermüdend uninteressant. Es ist also nicht deine Schuld, dass ich noch nie auf einer der von dir empfohlenen Veranstaltungen war.

Ich finde es ja selbst schade, dass ich seit einigen Jahren so wenig aufgeschlossen bin. Ich weiß noch, wie stolz meine Eltern waren, als ich im Kindergarten meinen ersten Freund René „machte“, als ich ihm ein Brettspiel mitbrachte, nachdem ich ihm den Stuhl weggezogen hatte, nachdem er meinen Schneemann zerstört hat, nachdem ich „Selber“ gesagt hatte, nachdem er mich „Blödmann“ genannt hatte.

Heutzutage sind Freundschaften so leicht zu schließen, dass man es oft gar nicht merkt. Kannst du verstehen, warum ich das auch ein bisschen traurig finde, lieber Florian? Ich glaube schon. Tief im Innern bist du doch auch so ein nostalgischer, altmodischer Mensch. Warum würdest du sonst noch im Jahr 2015 einen Newsletter betreiben?

Alles Gute,
dein Michael

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