Wie ich dank der Bundeswehr zum Schreiben kam

Verehrte Bundeswehr,

heute vor fünf Jahren wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Ich bedaure das und ich möchte betonen, dass ich diese Entscheidung niemals unterstützt habe. Ich selbst habe den Kriegsdienst zwar verweigert, aber – das ist mir wichtig – stelle in keiner Weise den Sinn desselben in Frage. Im Gegenteil: Ich bin der Meinung, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte. Beim Anblick jüngerer Männer denke ich oft, dass sie überhaupt nicht wissen, wo sie im Leben stehen und was sie draus machen sollen und dass sie zu viel Wert auf ihre Frisuren legen. Ist es nicht das, wogegen die Bundeswehr über Jahrzehnte gekämpft hat?

Für mich jedenfalls war meine Verweigerung wegweisend. Ohne die drohende Einberufung wäre ich niemals zum Schreiben gekommen.

Und das kam so:
Schon damals hatte die Bundeswehr einen schlechten Ruf. In meinem Abiturjahrgang liebäugelten nur sehr wenige Mitschüler mit dem Wehrdienst, weil sie entweder

  • am liebsten Trompete gespielt und Bier getrunken haben,
  • ein bisschen zu unintelligent für Vieles andere waren, aber schlau genug, um zu wissen, dass Sie da nicht so drauf gucken oder
  • den Wehrdienst als sportliche Herausforderung sahen.

Ich selbst hielt Minenräumer nicht für einen Beruf mit Perspektive, war kein bisschen musikalisch und sportlich nicht auf der Höhe (mühsamer Klassenerhalt als Libero des SV Thier). Kurzum: Es gab für mich keine Gründe zur Bundeswehr zu gehen. Allerdings hatte ich auch keine moralischen Argumente, meine Verweigerung zu begründen.

Beim Fußball drohte ich meinen Gegenspielern im Falle eines Torerfolgs Prügel an. Eine pazifistische Attitüde pflegte ich nur, wenn die Strumpfhosen der Punk-Mädchen meiner Schule sehr große Laufmaschen aufwiesen.

Auch meine Familie war moralisch nicht gut aufgestellt.Wir diskutierten beim Abendbrot nicht über die neue Gandhi-Biografie, während wir unsere pazifistischen Schnitten streichelten. Die Hälfte meiner Familie hat einen Waffenschein, mein Großvater erzählte nur Gutes von seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg und meine Großtante sprach von dessen Verursacher sogar jovial als „dem Adolf“.

Was tat ich also? Ich schmückte mein Leben aus, ich beschönigte, ich überhöhte, redete klein und vor allem ließ ich alles weg, was nicht nötig war – ich machte Literatur draus. Sie können mir natürlich vorwerfen, dass meine Verweigerung nur aus Lügen bestand.Ich bezeichne die Begründung meiner moralischen Unfähigkeit eine Waffe in die Hand zu nehmen, lieber als den Urtext meines Schreibens.

Bis dahin hatte ich nur vormittags in der Schule geschrieben, um nicht aufzufallen und nachmittags in Chatrooms, um den Kontakt zu Schnecke89 und Tanjapanja nicht abreißen zu lassen. Mit meiner Verweigerung erfuhr ich erstmals, was mit Sprache alles möglich war.

Ich bin sicher, dass ich ohne die drohende Einberufung eine bodenständige Tätigkeit aufgenommen hätte. Vielleicht wäre ich sogar aus Mangel an Ideen zur Bundeswehr gegangen. Wer weiß?
So aber hat sich alles sehr glücklich gefügt. Sie schweben für die Sicherheit Europas adlergleich über die idyllische Wüstenlandschaft Syriens und ich tippe im fünften Stock einer Mietskaserne einen Blogpost.

Weitermachen!

Zivildienstleistender a.D. Michael Wolf

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2 Gedanken zu “Wie ich dank der Bundeswehr zum Schreiben kam

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