Nichts als Fotos im Kopf

Als Student habe ich nicht viel geknutscht. Der Grund: Ich habe Medienwissenschaft studiert. Mein Schwerpunkt lag im Feld der Fotografietheorie. Als Steckenpferd ist die Fotografietheorie so sexy wie das Wort Steckenpferd. Bis jetzt, so hoffe ich. Denn der Boulevard hat sich meines Themas angenommen. Die Berliner Zeitung BZ machte ihre Rubrik „Gesellschaft“ gestern mit folgendem Foto auf:

didi.jpeg

Auf dem Bild zu sehen ist (laut BZ) der Schauspieler und Theaterleiter Dietmar Hallervorden in den Armen einer Frau. Der Artikel von Claudia von Duehren trägt den Titel „Didi hat Knutschen im Kopf“. Pikant an der Sache: Die Frau ist nicht Hallervordens Ehefrau. Die BZ rief bei Frau Hallervorden an, die Didis Knutschen mit den Worten dementierte: „Das kann nicht sein. Wir feiern in zwei Tagen Silberne Hochzeit.“ Der Artikel der BZ endet mit den Worten: „Die Fotos sprechen eine andere Sprache …“

Ich bin sehr dankbar für diesen Artikel, weil er mir endlich Gelegenheit gibt, die trockene Materie der Fotografietheorie boulevardesk zusammenzufassen.
Fangen wir mit der Beweisfunktion der Fotografie an. Im Standardwerk „Die helle Kammer“ unterscheidet Roland Barthes Fotografien von anderen Bildern mit Verweis auf ihre mechanische Unbestechlichkeit. Anders als z.B. ein Maler kann die Kamera nur das aufnehmen, was vor ihr steht. Anders gewendet, wird sie sogar ganz sicher das aufnehmen, was vor ihr steht. Heißt: Fotografien haben recht, sie zeigen was war. Barthes nannt es das „Es-ist-so-gewesen“.
Davon unabhängig ist, ob etwas oder jemand auch gut erkennbar ist. Was aufgenomen wurde, ist mit dem Aufgenommenen „wie über eine Nabelschnur“ verbunden: Lichtstrahlen sind vom Objekt in das Objektiv gelangt und haben in der Kamera ihre Spuren hinterlassen. Weniger als ein Bild, erscheint die Fotografie als das Ding selbst. Es geht bei der Beweisfunktion der Fotografie also nicht um Ähnlichkeit, sondern um Identität.

Wenn man sich das Foto mal anschaut, könnte es ja nun wirklich jeder sein, der da herumknutscht. Die Frau scheint außerdem nur vier Finger an ihrer rechten Hand zu haben. Das alles ist aber unerheblich für den Beweis, das Es-ist-so-gewesen, worauf auch die BZ hinweist: „Die Fotos sprechen eine andere Sprache.“

Tatsächlich sprechen Fotografien sogar eine so andere Sprache, dass Ende des 19. Jahrhunderts mit Fotografien im großen Stil Geister nachgewiesen wurden.Gruselbild Ein Trend, der bis heute nachhält.
Entwarnung: Natürlich knutscht Dietmar Hallervorden auf dem Foto nicht mit einem Gespenst, und dennoch hat die Aufnahme etwas Bedrohliches an sich. Zumindest für Dietmar Hallervorden. Auch das ist obligatorisch in der Geschichte des Mediums. Bekannt ist, dass sich der französische Dichter Baudelaire dagegen sträubte, fotografiert zu werden. Er fürchtete den Verlust seiner Seele. Diese Angst ist in Zeiten von Instagram wahrscheinlich passé, zweifellos macht es aber immer noch einen Unterschied, ob jemand einfach so vor euch steht oder eine Kamera auf euch richtet. (Der Kussmund z.B. ist in Tinder-Profilen wohl weiter verbreitet als im Straßenbild oder sogar in Swinger-Clubs.)

Ein Foto zu schießen, hat mit Verantwortung zu tun. Roland Barthes schreibt ehrfürchtig: „Ein Bild wird entstehen. Mein Bild wir entstehen.“ Für ihn ist das Fotografiertwerden mit dem Tod verwandt, es sei „Der kleine Tod“. Ein Augenblick wird still gestellt, aus dem Verlauf des Lebens gelöst und potentiell länger bestehen bleiben als ich selbst. Da ist also ein Teil meines Lebens schon tot, bevor ich sterbe und zwar mit dem Ziel, dass er noch da ist, wenn ich nicht mehr da bin.

Nicht unerwähnt darf Walter Benjamins Diktum vom Auraverlust bleiben. Von der im Artikel detailliert beschriebenen Verliebtheit Hallervordens, der Zärtlichkeit des Augenblicks ist auf dem Foto nichts zu spüren. Die Kamera hat alles, worum es den beiden liebenden Menschen auf dem Bild ging, ins gefühlskalte Regelwerk des Mediums überführt. Von der Gänsehaut blieben nur Pixel. Hinzu kommt, dass die techniche Reproduzierbarkeit das Bild in seiner Negativität für immer in der Welt behält – spätestens ein ganz konkretes Problem, wenn Menschen einen Teil ihrer selbst für sich behalten oder löschen wollen. (Stichwort: Recht auf Vergessen werden.)

Dietmar Hallervorden rief bei der Redaktion an und versicherte: „Ich würde nichts tun, was meine Ehe gefährdet.“ Nun beharrt die technikgläubige BZ-Redaktion zurecht auf der Existenz der beweiskräftigen Bilder. Sollte Frau Hallervorden ähnlich denken (und der Glaube an Fotos ist trotz Photoshop nicht totzukriegen), wäre die Hallervordensche Ehe womöglich doch gefährdet. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass Barthes‘ „Die helle Kammer“ ein Trauer-Buch ist. Er befasst sich nur mit Fotografien, weil er schwer um seine verstorbene Mutter trauert, mit der er sein ganzes Leben verbracht hat.

Nehmen wir nun mal an, dass das Foto der BZ aufgrund seiner unumstößlichen Beweiskraft („Es-ist-so-gewesen“) die Ehe der Hallervordens in die Krise stürzt, könnte sich Dietmar Hallervorden womöglich bald in einer ähnlichen Position über alte Fotos beugen. Schließlich kommt es bei der Trauer nicht darauf an, ob jemand gestorben, sondern laut Sigmund Freud nur darauf, ob er als Liebesobjekt verloren gegangen ist. Aber das wäre ein anderes Thema.

Abschließend: Fotografietheorie – hot or not?

 

 

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