Sex ohne Akademikerinnen

Mein treuer Freund und ich aßen im Chicago Williams Barbecue, wo sie Apfelmus zu Rippchen reichen, und sprachen über Sex ohne Akademikerinnen.

Ein dringliches Thema zu einer Zeit, in der die Gesellschaft nur noch als gespalten in den Spalten der Zeitungen erschien. Ob nun TTIP, Islamisten, AfD oder Grüne, die urbane Avantgarde oder die konservative Landbevölkerung – alle dividierten sie einander auseinander und die schlimmsten Spalter sogar durch Null. Mehr noch: Alle paar Zeilen öffnete sich auch noch eine Schere, um das soziale Band letztendlich zu zerschnibbeln wie ein Starschnitt von Thilo Sarrazin. Zurück bleibe eine Gesellschaft in Lagern ohne Verständnis, ja ohne Kontakt miteinander, so stand es in den Feuilletons und wir waren mittendrin.

„Da sind wir doch auch betroffen!“, rief ich und ein paar Spareribs später kamen wir betroffen überein, dass wir durchaus Sex mit Angehörigen verschiedener akademischer Fachrichtungen gehabt hatten, unsere Erfahrungen mit Nicht-Akademikerinnern aber spärlich waren.
„Das ist ja nicht sehr verwunderlich“, warf mein treuer Freund ein. Zumindest zum körperlich einwandfreien Geschlechtsverkehr sei eine Koexistenz zu gleicher Zeit und im gleichem Raum bislang noch vonnöten. „Wenn man in einer Stadt wohnt, schläft man meistens auch mit Menschen aus dieser Stadt.“

„Ja, aber“, gab ich zu Bedenken, dass ich bereits als Realschüler auf dem Land meiner späteren Auswahl treu geblieben war. So beschränkte ich mich als provinzieller Schüler schon (Hilfsausdruck) geschlechtlich auf Mädchen, die später über die mittlere Reife und die Kreisstadt hinaus komen würden. Einschränkend fügte ich hinzu: „Sicher knutschte ich auch hin und wieder mit einer künftigen Bürokauffrau herum, ihre Schenkel klappten gleichwohl im entscheidenen Moment zu wie die Scharniere eines fabrikneuen Leitzordners.“

„Das sagt schon was aus.“ Mein treuer Freund schaufelte sich entschieden Cole Slaw auf den Teller. „Vielleicht haben die was gespürt.“

„Ja, aber was denn?“

„Dass du später in die Stadt ziehen würdest und als Freelancer kaum die bodenständigen Vorstellungen einer durchschnittlichen Realschülerin mittragen wolltest, weil du zum Beispiel viel lieber drei Mal die Woche essen gehst.“

Mein treuer Freund selbst sei einmal knapp am Sex mit einer Rechtsanwaltsgehilfin aus Rosenheim entlanggeschrammt. Das Wort erschien ihm passend, hatte er sich doch kürzlich eine Schiene gegen das Zähne-Knirschen anpassen lassen, das ja viel eher ein Schrammen war. Mit dem Schutz der Schiene schrammt er sich seither nach Lust und Laune in den Schlaf, weil er nun ja ganz gefahrlos schrammen konnte.

Da fiel mir ein, dass Aufklärungsunterricht und sein Herumreiten auf den Gefahren vor Schwangerschaft und Krankheit einem auch die Freude an Sex verleiden konnte, und ich deswegen eher für die Abschaffung des Sexualunterrichts war, als für dessen Aufrüstung mit Holzdildos und Soft-Pornos. Aber das war hier jetzt nicht Thema und mein treuer Freund unterbrach mich zurecht.

„Ganz knapp vorbeigeschrammt an der Rechtsanwaltsgehilfin aus Rosenheim!“, rief er und ein Hauch von Stolz ließ seine Vokale vibrieren.

„Wie ganz knapp?“, fragte ich meinen treuen Freund, und mich selbst, ob er sein Lammsteak wohl noch essen wollte.

„Unsere Lippen waren nur noch Millimeter voneinander entfernt, da änderte sie den Kurs und flüsterte mir ins Ohr“, Bedeutungsschwanger griff mein treuer Freund nach dem Kartoffelbrei – Kunstpause – und ließ die Bombe platzen: „’Ich kann nicht. Meine Kinder sollen nicht in Berlin aufwachsen.’“

„Das ist doch nicht wahr.“

„Isso!“, ließ sich mein treuer Freund zu einem charmanten Begriff der Jugendsprache hinreißen, was seine Glaubwürdigkeit unterstrich.

„Aber das ist doch total irrational.“

„Ja, vielleicht habe ich deswegen nur noch mit Akademikerinnen geschlafen“, schulterzuckte mein treuer Freund und reichte mir ein Stück Pulled Pork.

„Aber förderst du damit nicht die Spaltung der Gesellschaft?“, packte ich das heiße Eisen an.

„Mag sein, aber willst du für jeden Beischlaf eine Doppelhaushälfte in Rosenheim beziehen?“

„Du darfst nicht pauschalisieren“, rief ich meinen treuen Freund zur freiheitlich demokratischen Grundordnung auf. „Frauen zum Beispiel sind da nicht so. Die wollen zwar meist jemanden, der ihnen mindestens gleichwertig ist, was Intellekt, soziokulturellen Status und Geld angeht, sagen aber auch zu einem Handwerker nicht nein, wenn der zupacken kann und sie auf einen sauber abgeschliffenen Sekretäre hebt, auf dem sie dann promovieren können.“

„Du plädierst also für Toleranz?“

„Wer soll dafür kämpfen, wenn nicht wir?“

„Na ja, das sagen sie ja auch immer. Dass der weiße Mann sich verändern müsse und so. Vielleicht haben sie da ja recht.“

„Wir haben Verantwortung“, stimmte ich ihm zu und hob mein Craft Beer.

Mein treuer Freund stieß an. „Auf die mittlere Reife.“

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