Die fragliche Existenz von Schwarzwälder Kirschtorte

Angenommen wir wollen etwas haben. Sagen wir Schwarzwälder Kirschtorte. Und neben uns im Raum steht der Mensch, mit dem wir einen Kühlschrank teilen. Die Frage, die wir nun stellen, lässt sich auf mindestens drei Arten formulieren. Die Wendungen werden meist synonym verwendet oder je nach Region: „Ist noch Schwarzälder Kirschtorte da?“, „Gibt es noch Schwarzwälder Kirschtorte?“ und „Hat’s noch Schwarzwälder Kirschtorte?“

Zunächst fällt auf, dass in allen drei Fragen das Wörtchen „noch“ auftaucht. Das Partikel deutet eine Knappheit des begehrten Guts an. Wenn „noch“ Schwarzwälder Kirschtorte da ist, impliziert das die Erwartung einer abnehmenden Menge an Torte. Was das Volumen an Torte im Verhältnis zum Faktor Zeit angeht, stimmen also alle drei Ausdrücke überein. Zukünftig wird weniger Torte oder eben gar keine Torte mehr „da“ sein, bzw. es wird weniger oder keine Torte mehr „geben“ oder „haben“.

Was den Ort der Torte angeht, die Bestimmung seiner Quelle, bestehen allerdings krasse Unterschiede, die auf ganz verschiedene Weltbilder hindeuten.

1. Möglichkeit: „Ist noch Schwarzwälder Kirschtorte da?“

Die Antwort könnte lauten: „Nein, es ist keine mehr da.“ oder: „Ja, es ist noch welche da.“ In beiden Fällen wäre Schwarzwälder Kirschtorte etwas, das nur zwei Zustände kennt: „da“ ­oder „nicht da“, Sein oder Nichtsein. Man könnte sagen, wir haben es mit einer digitalen Schwarzwälder Kirschtorte zu tun.

Zugleich wäre sie aber immer nur an einem ganz bestimmten Ort zu finden: Eben „da“ im Sinne von „dort“. Dieser Ort würde von uns, den Hungrigen, erfragt und von dem Antwortenden angezeigt. „Ist noch Torte da(hinten im Kühlschrank)?“ – „Ja es ist noch Torte da(hinten im Kühlschrank).“ Demnach müsste der von uns erratene Ort mit dem tatsächlichen Aufenthaltsort der Torte aber eben auch dringend übereinstimmen, damit wir sie essen können.

Diese Frage abstrahiert also jedes Gut, sobald es nicht mehr da ist. Wenn keine Torte „da“ ist, heißt das nicht, dass sie weg ist, sie ist eben nur „woanders“. Sie wäre zwar potenziell zu erreichen, aber weder du noch dein Gegenüber wüssten, wo. Zu fragen, ob noch etwas da sei, geht also mit einem gewissen Pessimismus einher.

2. Möglichkeit: „Gibt es noch Schwarzwälder Kirschtorte?“

Eine Antwort darauf bietet der Satz: „Ja, es gibt noch Schwarzwälder Kischtorte.“ Es wäre nun unerheblich, wo die Torte denn nun ist. Entscheidend wäre stattdessen, dass jemand oder viel mehr ein ES sie (uns) gibt. Das ließe die Vermutung zu, dass jede Schwarzwälder Kirschtorte auf der Welt, so es sie denn „gibt“, notwendig auch (weiter)gegeben wird.
Dieser Ausdruck eignet sich hervorragend für Altruisten, aber auch für Liberale, die einen freien Warenverkehr befürworten.

Allerdings erscheint mir eine andere – alttestamentarische – Lesart wahrscheinlicher. Und zwar, dass ES zwar über unendlich viel Kirschtorte verfügt, ES aber eben nach eigenem Gutdünken damit verfährt. Ob Schwarzälder Kirschtorte da ist, entzöge sich dann ganz unserem Dazutun. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ (Hiob 1:21)

3. Möglichkeit: „Hat es noch Schwarzwälder Kirschtorte?“

Diese Frage gefällt mir am besten. Und zwar obwohl sie darauf hindeutet, dass wir nur so lange Schwarzwälder Kirschtorte bekommen, wie ES eben auch Schwarzwälder Kirschtorte „hat“. Entscheidend finde ich, dass dieser Ausdruck auf einen Ort oder eine Instanz hindeutet, die uns Zugang zu allem verschafft was wir uns wünschen.
Wenn ES die Torte hat, dann dürfen und können wir sie auch essen. Und wenn ES sie nicht hat, dann ändert das immerhin nichts am Bestand dieser zauberhaften Instanz namens ES.

Diese Wendung drückt also den Glauben an eine Art Paradies an, das all unsere Bedürfnisse zu befriedigen vermag und will. Nicht weniger wichtig: In schönster Beiläufigkeit wünschen wir uns Tag für Tag an diesem Ort, und zwar einfach, indem wir Fragen stellen: Hat’s noch Torte? Hat’s noch Bier? Hat’s noch Liebe?

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