Die fragliche Existenz von Schwarzwälder Kirschtorte

Angenommen wir wollen etwas haben. Sagen wir Schwarzwälder Kirschtorte. Und neben uns im Raum steht der Mensch, mit dem wir einen Kühlschrank teilen. Die Frage, die wir nun stellen, lässt sich auf mindestens drei Arten formulieren. Die Wendungen werden meist synonym verwendet oder je nach Region: „Ist noch Schwarzälder Kirschtorte da?“, „Gibt es noch Schwarzwälder Kirschtorte?“ und „Hat’s noch Schwarzwälder Kirschtorte?“

Zunächst fällt auf, dass in allen drei Fragen das Wörtchen „noch“ auftaucht. Das Partikel deutet eine Knappheit des begehrten Guts an. Wenn „noch“ Schwarzwälder Kirschtorte da ist, impliziert das die Erwartung einer abnehmenden Menge an Torte. Was das Volumen an Torte im Verhältnis zum Faktor Zeit angeht, stimmen also alle drei Ausdrücke überein. Zukünftig wird weniger Torte oder eben gar keine Torte mehr „da“ sein, bzw. es wird weniger oder keine Torte mehr „geben“ oder „haben“.

Was den Ort der Torte angeht, die Bestimmung seiner Quelle, bestehen allerdings krasse Unterschiede, die auf ganz verschiedene Weltbilder hindeuten. Weiterlesen

Sex ohne Akademikerinnen

Mein treuer Freund und ich aßen im Chicago Williams Barbecue, wo sie Apfelmus zu Rippchen reichen, und sprachen über Sex ohne Akademikerinnen.

Ein dringliches Thema zu einer Zeit, in der die Gesellschaft nur noch als gespalten in den Spalten der Zeitungen erschien. Ob nun TTIP, Islamisten, AfD oder Grüne, die urbane Avantgarde oder die konservative Landbevölkerung – alle dividierten sie einander auseinander und die schlimmsten Spalter sogar durch Null. Mehr noch: Alle paar Zeilen öffnete sich auch noch eine Schere, um das soziale Band letztendlich zu zerschnibbeln wie ein Starschnitt von Thilo Sarrazin. Zurück bleibe eine Gesellschaft in Lagern ohne Verständnis, ja ohne Kontakt miteinander, so stand es in den Feuilletons und wir waren mittendrin.

„Da sind wir doch auch betroffen!“, rief ich und ein paar Spareribs später kamen wir betroffen überein, dass wir durchaus Sex mit Angehörigen verschiedener akademischer Fachrichtungen gehabt hatten, unsere Erfahrungen mit Nicht-Akademikerinnern aber spärlich waren. Weiterlesen

Framing – Chance oder Krise?

Meine Filterbubble hat ein neues Wort gelernt: „Framing“. Bei Wikipedia wird der linguistische Fachbegriff folgendermaßen definiert: „Framing (…) beschreibt den Prozess einer Einbettung von (politischen) Ereignissen und Themen in subjektive Deutungsrahmen durch massenmediale Akteure und politische Pressearbeit (…) Dabei wird eine bestimmte (politische) Thematik durch selektive Betonung und Akzentuierung sowie Attributierung bestimmter Merkmale dem Publikum auf eine bestimmte Art und Weise vermittelt.“ Weiterlesen

Theater Memes

The Internet ist for porn? Ja, das stimmt. Aber nicht nur. Es gibt ja auch noch den Quatsch. Ich bin Redakteur bei nachtkritik.de, einer Internetseite für Theaterkritik. Hin und wieder versuche ich das Netz mit Quatsch für Theater zu interessieren. Fünf Beispiele.

1. Die zehn wichtigsten Hashtags der Dramengeschichte
Hier weise ich mit einigen Beispielen nach, dass die Hashtags in Wahrheit nicht vom Silicon Valley erfunden wurden, sondern im Laufe der Dramengeschichte entstanden.

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Nichts als Fotos im Kopf

Als Student habe ich nicht viel geknutscht. Der Grund: Ich habe Medienwissenschaft studiert. Mein Schwerpunkt lag im Feld der Fotografietheorie. Als Steckenpferd ist die Fotografietheorie so sexy wie das Wort Steckenpferd. Bis jetzt, so hoffe ich. Denn der Boulevard hat sich meines Themas angenommen. Die Berliner Zeitung BZ machte ihre Rubrik „Gesellschaft“ gestern mit folgendem Foto auf:

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Auf dem Bild zu sehen ist (laut BZ) der Schauspieler und Theaterleiter Dietmar Hallervorden in den Armen einer Frau. Der Artikel von Claudia von Duehren trägt den Titel „Didi hat Knutschen im Kopf“. Pikant an der Sache: Die Frau ist nicht Hallervordens Ehefrau. Die BZ rief bei Frau Hallervorden an, die Didis Knutschen mit den Worten dementierte: „Das kann nicht sein. Wir feiern in zwei Tagen Silberne Hochzeit.“ Der Artikel der BZ endet mit den Worten: „Die Fotos sprechen eine andere Sprache …“

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Petzen gegen Hetzer

Heute sah ich meiner Facebook-Timeline folgenden Post.

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Um das vorweg zu nehmen: Ich kenne mich mit kenFm nicht gut aus. Ich weiß, dass Ken Jebsen Pegida und dem Verlag Compact nahe steht, also Leuten die gerne Wörter wie „Verschwörung“ oder „Deutschland“ sagen. Ich halte es daher zumindest auch für möglich, dass auf seiner Seite antisemitische Inhalte gepostet werden. Immerhin musste er ja auch wegen antisemitischer Aussagen seinen Job beim RBB aufgeben. In diesem Blogpost geht es mir aber nicht um kenFM, sondern nur um eine kleine Stil-Analyse des abgebildeten Facebook-Posts. Weiterlesen

Die Traurigkeit der Bürgersteige

Ich werde gerne angelächelt. Auch ganz spontan mal, z.B. von Passanten auf der Straße. Ich bin nicht misstrauisch und befürchte nicht, dass der Lächler nur lächelt, weil er mir  einen Bausparvertrag andrehen, mich zu einem Revolverheld-Konzert einladen oder noch Schlimmeres antun will. Alles sehr unwahrscheinlich, denke ich mir, und lächele freundlich zurück. Das klingt erstmal üblich, ist es aber leider nicht. Weiterlesen